Tragisches Diner

A king from the East <Unless, perhaps, you are Tanit …>
(Gustave Flaubert, Salammbô)
At the site of the Villa Tanit, Cap d’Antibes

Foto von Caroline de Westenholz

Ich bin schwach geworden. Meist stehe ich sehr fest auf meinen Beinen, und wenn mich jemand mit einer Einladung verfolgt, derentwegen mich anzustrengen und zu derangieren ich für unnötig erachte, ziehe ich alle möglichen und unmöglichen Vorwände an den Haaren herbei, um zu beweisen, daß ich die (unwillkommene) Einladung unmöglich annehmen kann. Und daß ich diesmal schwach geworden bin und eine mir lästige Einladung akzeptiert habe, lag daran ... daß der Geist nicht über mich kam, ich zu faul war, mir etwas auszudenken, ich nicht wußte, was ich sagen sollte, um abzulehnen, und also ... annahm! Man füge hinzu, daß ich nur mit großer Mühe Briefe après-coup schreibe, und Sie werden verstehen, daß ich unlängst der Einladung von M. und Mme. Grosjean, bei ihnen zu dinieren, in ihrer Villa Astarte, notabene ganz in der Nähe von Antibes, habe Folge leisten müssen.
Es war ein tragischer Tag. Es regnete, so wie es nur hier an unserer Blauen Küste regnen kann, ohne Unterbrechung, alle Schleusen des Himmels geöffnet, und das zweifellos den ganzen Tag lang. Und man stelle sich vor, an solch einem tragischen Tag gegen sechs Uhr in seinen Rock schlüpfen zu müssen, in einem Coupé zum Bahnhof zu müssen, am Bahnhof von Antibes, der klamm ist von Regen und Kälte, auszusteigen, sich zu ruinieren durch Trinkgelder, um wieder ein überdecktes Wägelchen zu erobern, und dann sicherlich noch dreißig Minuten durch den Schlamm zu holpern zur Villa Astarte ... und das einzig und allein, weil M. und Mme. Grosjean Neffe und Nichte ... eines großen französischen, in ewigem Frieden ruhenden Autors sind und es für nötig erachten, einen literarischen Salon zu unterhalten, literarische Diners zu geben und mich einzuladen!
Das passierte mir denn auch nur einmal und nie wieder!
Nun muß ich Sie, o geduldiger, wohlwollender Leser, kurz aufklären und Ihnen erzählen, daß M. und Mme. Grosjean ... gar nicht Grosjean heißen und ihre Villa auch nicht Astarte. Aber ich muß ihre Namen und den Namen ihrer Villa schon ein wenig maskieren, weil es doch nicht nett von mir wäre, sie Ihnen mit Namen und Zunamen in "Het Vaderland" preiszugeben! Auch will ich Ihnen nicht verraten, wer der große französische Autor ist, der ein Onkel meines Gastgebers und meiner Gastgeberin war. Aber ich möchte Ihnen schon noch sagen, daß dieser französische Autor einen prachtvollen historischen Roman geschrieben und eine alte afrikanische Stadt heraufbeschworen hat und daß die Villa (die nicht Astarte heißt) genannt ist nach der Göttin dieser alten Stadt, die in dem Roman eine Rolle spielt, zugleich mit ihrer Priesterin ...
Hören Sie, falls Sie jetzt glauben, daß ich Ihnen noch mehr verraten werde!!
Ich sage nichts mehr ... und fahre fort.
Weil nun M. und Mme. Grosjean Neffe und Nichte von ... sind, ich hätte beinahe den berühmten Onkel genannt! ... meinen sie, es ginge nicht anders, als daß ihr Leben dazu diene ..., einen literarischen Salon zu unterhalten und literarische Diners zu geben. Das ist wohl typisch französisch. Denn ich könnte es nicht begreifen, wenn z.B. unsere Neffen und Nichten in Holland, wo Kloos oder Querido oder ich jeden Tag an Berühmtheit gewinnen, keinen anderen Lebenszweck ersinnen könnten, als einen literarischen Salon zu unterhalten oder literarische Diners zu geben - nicht einmal nach unserem Tod. In Frankreich ist das ganz anders. Weshalb sollte man aber auch, um alles in der Welt, wünschen, daß Neffe und Nichte eines berühmten verstorbenen Autors anders handeln?? Es liegt auf der Hand, daß sie handeln, wie sie handeln. Zieht man den französischen Charakter einmal in Betracht, so können sie gar nicht anders handeln. Sie eröffnen ihren literarischen Salon, sie geben ihre literarischen Diners.
Und wahrhaftig, weil ich Bücher geschrieben habe, muß ich mich derangieren, um in meinem Rock den Elementen zu trotzen und dinieren zu gehen in eine Villa (die nicht Astarte heißt), eine halbe Stunde von Antibes entfernt, halb weggewischt vom Regen der Blauen Küste.
Doch wenn man nun einmal in Frankreich wohnt, dann macht man mitunter, ob man will oder nicht, diese völlig verrückten, völlig nutzlosen französischen Dinge mit ... und so kommt es denn, daß ich um halb acht an diesem tragischen Regentag, sehr korrekt in meinem Rock, weiß beblümt und weiß beschlipst, angetan mit einer weißen Moiré-Weste, die nur einen Knopf hat (Perlmutt mit vier kleinen Brillanten), über die Schwelle des literarischen Salons des Neffen und der Nichte von ... schreite.
Ach was, Sie haben ja längst erraten, wer der berühmte Onkel ist.
Viele Lichter, viele Blumen, viele Flammen im Kamin; in den Bücherschränken viele Werke, illustriert oder nicht, von dem berühmten Onkel; in einer Ecke des Salons die große Statue ... der afrikanischen Priesterin - Heldin aus dem Roman des Onkels - in Bronze und Email, von einem nicht minder berühmten Bildhauer ... Ich atme in Berühmtheit. Alles ist hier so vornehm literarisch, so ganz und gar nicht bourgeois, liebe Freunde; verstehen Sie, es schwebt hier eine Atmosphäre von wohlhabender, reicher literarischer Vornehmheit - nichts gegen Bohème, o nein! -; alles hat sich hier eingefunden, in diesem literarischen Salon ... Werden jemals meine Neffen und Nichten (nach meinem Tod) auch mir so huldigen, indem sie ihr Leben so ganz und gar meinem Gedenken weihen?? Ich bezweifle es, und was die Neffen und Nichten von Kloos und Querido betrifft, bezweifle ich es ebenfalls ...
Wir werden diese (französische) Unsterblichkeit niemals kennen ...
Es war ein tragischer Tag, und es war ein tragisches Diner. Denn es war der erste Tag, an dem uns die Telegramme die Unglücksnachrichten von den Überschwemmungen in Paris brachten. Und wenn auch diese Nachricht an sich schon tragisch genug war, so wurde sie noch tragischer, weil Sie, für die das Diner gegeben
wurde, sich, die Hände im ondulierten Haar, mit lauter Stimme beklagte, daß Sie nicht in Paris sei ..., daß da in Paris Überschwemmungen stattzufinden wagten ohne Sie!
Sie ist denn auch sehr berühmt, obgleich noch nicht so berühmt wie der Onkel. Sie, liebe Freunde, ist eine literarische Dame, ohne die in Paris, was sage ich, ohne die in Frankreich nichts Wichtiges geschehen darf, weder in der Literatur noch in der Politik, weder auf der Bühne noch im Seine-Becken. Sie muß dabei sein, jawohl. Sie ist es, die jeden talentvollen Autor in Frankreich gefördert hat. Sie allein kennt die eigentliche Wahrheit über Boulanger, Dreyfus und Madame Steinheil; durch Sie ist es möglich geworden, daß Chantecler aufgeführt wurde. Und nun war sie in Antibes, während dort oben in Paris die Seine überlief, ohne sie! Es war mehr als tragisch; es war einfach unerhört.
Alle Gäste stelle ich Ihnen nicht vor. Ich werde Ihnen lediglich mitteilen, daß sie allesamt einen gewissen, mehr oder weniger bedeutenden Namen hatten in der Welt der Literatur, Musik und Kunst. Aber jetzt müssen Sie sich folgendes vorstellen: zwei Lakaien, die Flügeltüren aufschiebend und verkündend, Madame lasse bitten ... die Tafel sichtbar, funkelnd von Kristall und Silber ... und, in der Mitte des Salons, Gastgeber und Gastgeberin in großer Bestürzung Ihretwegen, die ausruft, daß sie nicht dinieren wolle, sondern augenblicklich zurückmüsse nach Paris ...
- Liebe Freundin! sagt der Gastgeber, ängstlich und sanft, doch nervös bei dem Gedanken, daß dieses kostbare Diner, das uns erwartet, gänzlich nutzlos und für die Katz sein würde (in Frankreich wird ein Diner stets angerichtet, um Ihm oder Ihr zu huldigen). Liebe Freundin! Es ist gewiß schrecklich, daß in Paris Überschwemmungen sind ...
- Und ohne mich! Und ohne mich!! deklamiert sie tragisch.
- Aber ..., versucht der Gastgeber schüchtern fortzufahren, sollten wir nicht erst zu Tisch gehen? Dann könnten Sie morgen doch den Tageszug nehmen und wären übermorgen abend - wegen all der Verspätungen - gewiβ im Katastrophengebiet ...
- Ich, ruhig hier mit Ihnen allen dinieren, während dort oben eine Sintflut Paris bedroht? Paris bedroht, und ich soll nicht dort sein? Nein, liebe Freunde, ich muß augenblicklich gehen! Holt den Indicateur des Chemins de Fer ...
Drüben die Tafel, funkelnd von Kristall und Silber ... Auf dem Büfett dampfen Consommé und Potage ... Gastgeber und Gastgeberin wechseln ratlose Blicke, und ich glaube, daß sie in diesem Augenblick ihren literarischen Salon, ihre künstlerischen Diners mit innigen Verwünschungen verwünschen. Doch es ist nicht zu ändern. Sie, in der Mitte des Salons, blättert nervös im Indicateur, und nun ruft sie, mit einem Blick auf die Pendüle:
- Mir bleiben gerade noch fünfunddreißig Minuten ... Einen Wagen! Oder lieber ein Automobil! Meinen Mantel! Ich muß fort! Verzeiht mir, o ihr alle, verzeiht mir, meine Freunde, aber ich muß fort, ich muß fort ...
Es herrscht große Bestürzung. Gastgeber und Gastgeberin sind wütend, doch ich bewundere ihre Selbstbeherrschung. Sie lenken sogar ein.
- Liebe Freundin, sagen sie jetzt; wir können verstehen, daß Sie es bedauern, nicht in Paris zu sein, jetzt, da die Seine überläuft ...
- Wer weiß, sagt eine der anwesenden Damen (sie ist die Schwägerin eines berühmten Komponisten, und darum hat sie einen musikalischen Salon und frequentiert allein künstlerische Kreise). Wer weiß, Ihre Anwesenheit, liebe Freundin, wird vielleicht nicht sofort die Seine zwischen ihren Ufern zurückhalten ... aber doch einen derartigen Einfluß ausüben, daß alles Elend gelindert wird - votre geste retiendra le fléau!!
Sie hat keine Zeit, zu zweifeln, ob dies nun Ironie ist oder nicht. Ein Mantel wird ihr umgeworfen. Eine Reisetasche wird für sie gepackt (ich denke, mit einem Nachthemd und einer Puderdose). Das Automobil eines der Gäste wird sie fortbringen zum Bahnhof. Sie geht, Händedrücke verteilend. Sie ist fort.
Wir setzen uns zu Tisch. Potage und Consommé sind eiskalt, und ich fürchte, daß der Fisch auch nicht à point sein wird. In der Mitte der Stühle bleibt, zwischen Gastgeber und Gastgeberin, Ihr Feauteuil wehmütig leer. Sie ist gegangen, denn in Paris, was sage ich, in Frankreich kann ohne Sie nichts geschehen, auch keine Überschwemmung.
Wenn ein französischer Autor ein schönes Buch geschrieben hat, wenn ein Franzose etwas Gutes oder Schönes vollbracht hat, ist Sie es, die ihm dankt mit den Worten:
- Merci ... pour la France!!
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Das Diner ist tragisch und völlig mißlungen, sowohl vom kulinarischen Gesichtspunkt als vom sozialen Standpunkt aus. Denn Sie, für die es angerichtet wurde, sitzt nicht mit am Tisch, und ich sage ihnen noch einmal, in Frankreich diniert man allein, um Ihm oder Ihr zu huldigen.
Und wenn man bedenkt, daß dieses Diner, daß dieses tragische Abenteuer Neffe und Nichte des Onkels noch nicht von ihrer Manie geheilt hat: einen literarischen Salon zu unterhalten, literarische Diners zu geben!!
Bis zu ihrem Tod werden sie damit fortfahren!
O französischer künstlerischer Snobismus! O französische künstlerische Eitelkeit! Oh, Vaterland, empfange von dieser Blauen Küste aus die Huldigung deines selbstverbannten, aber doch treuen Sohnes für deine Einfachheit und deine Wahrheit, denn niemals werden sich deine Männer und Frauen von Talent und Verstand so verrückt, so prätentiös, so unglaublich naiv eitel verhalten können ...!

Aus: Korte Arabesken von Louis Couperus