Der Ring und der Prinz

Palazzo Colonna di Sciarra von Guiseppe Vasi
Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Roberto Piperno

König Umberto I. und Königin Margeritha von Italien
Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Jeannette E. Koch, Rom

Karneval in Nizza
Kollektion Musée Masséna, Nizza

Ich bin einmal einem Fatalisten begegnet, dessen Bekanntschaft einen sehr tiefen Eindruck bei mir hinterlassen hat.
Ich selbst bin auch Fatalist, in gewissem Maße. Ich glaube wohl an ein unüberwindliches Schicksal, das über unser Leben herrscht; ich glaube an die Unüberwindlichkeit und die Unvermeidlichkeit, aber dieser Glaube hat mich niemals bedrückt, vielleicht, weil gute Feen an meiner Wiege gestanden haben, ganz gewiß aber, weil mir das Leben viel Liebes und Schönes gebracht hat und weil meine Natur, trotz vieler früherer Augenblicke von tiefer Melancholie, zu naturhaft frohmütig, leichtherzig und heiter-sonnig geblieben ist, als daß ich mich in Verzweiflung ducken würde unter diesem Druck des Schicksals. Ich kann nicht lange melancholisch und verzweifelt sein, was mir auch geschieht: meine ganze Seele widerstrebt der Melancholie und Verzweiflung, und es hat mich in sehr ernsten und tieftraurigen Augenblicken meines Lebens oft selbst gewundert, daß meine dem Schmerz abgeneigte Seele sich naturhaft der Sonne und dem Licht zuwandte und aufblühte, sobald sie es vermochte ..
Ich bin also wohl Fatalist, aber mein Fatalismus ist mir eher ein philosophischer Trost gewesen als eine ins Verderben ziehende böse Macht. Aber ich will Ihnen nicht von mir erzählen.
Für den Fatalisten, dem ich begegnete, war das Schicksal, an das er glaubte, die böse Macht, die einen mitzieht ins Verderben. Es war vor vielen Jahren, vor wievielen, ist leicht auszurechnen ...
Es war in Rom, kurz nach jener für Italien so schrecklichen Schlacht von Adua in Abessinien. Es war nach dem Sturz Crispis, und es war auf einer großen Soiree des Barons Blanc, des damaligen Außenministers. Italien war in Trauer, um all jene, die bei Adua für Italien ihr Leben gelassen hatten, und alle großen römischen Familien waren in Trauer, um die Blüte ihrer Söhne, hinweggemäht an diesem allerschrecklichsten Tag. Eine Soiree beim Außenminister fand deshalb statt, weil sich überall Wohltätigkeitskomitees bildeten und weil der Baron Blanc die prachtvollen Säle des Palazzo Sciarra, den er bewohnte, für ein Fest der Wohltätigkeit öffnete. Wie groß die Trauer eines Landes auch sein mag, der moderne Mensch ist allein dann mildtätig, wenn ihm für seine Gabe ein Schauspiel oder eine Zerstreuung geboten wird.
Nur in Italien, in einem italienischen Palast, kann ein Fest so glänzend sein. Der Piano nobile des Palazzo Sciarra, von dem verarmten Prinzen dieses Namens an Baron Blanc vermietet, war eine einzige Flucht von Sälen, voller Blumen und Lichter. Und kurz bevor König Umberto und Königin Margherita erscheinen sollten, stellte ein Freund mich einem jungen Italiener vor und nannte einen berühmten Namen:
- Der Prinz di Girgenti ...
Ich bin nicht begierig, einem englischen Lord oder einem österreichischen Herzog zu begegnen - solch ein Snobismus liegt mir fern -, aber ich hege eine zärtliche Liebe für große italienische Namen. Sie rufen etwas Seltsames in mir wach, gleich einer Erinnerung, vage wie ein Duft, an früher erlebte Dinge. Ich freute mich, die Bekanntschaft dieses schlanken jungen Mannes zu machen, mit diesem sehr berühmten Namen, diesem berühmten italienischen Namen. Und es war Sympathie zwischen mir und ihm, vom ersten Blick an, den unsere Augen tauschten, vom ersten Händedruck an ...
- Fortunatissimo ..., sagte er und lächelte, und das banale Wort war wie ein Klang der Wahrheit ... Wir trennten uns nicht sofort: als der König und die Königin erschienen, verloren wir einander; später trafen wir uns wieder, tranken ein Glas Champagner nebeneinander. Er sprach über Literatur; er hatte von mir "Majesteit" in französischer Übersetzung gelesen und "Noodlot" in englischer - Footsteps of Fate, wie die Übersetzerin es nannte.
- Ihr Buch hat einen großen Eindruck auf mich gemacht, sagte er. Sind Sie Fatalist?
Es erfüllt mich mit Scham, fast mit Verlegenheit, über meine Bücher und mich selbst zu sprechen. Wieviel ich auch schreibe und preisgebe von mir und über mich, ich spreche nur ungern über mich und über meine Arbeit. Und daß ich mit ihm über mich sprach, war etwas ganz Besonderes, eine Ausnahme. Er hörte mir andächtig zu, und plötzlich sagte er:
- Ich auch ... ich bin auch Fatalist.
Mich traf der dunkle Ton seiner Stimme. Es war ein düsterer Klang darin. Um uns her waren Musik, Lichter, Blumen, waren mit Diamanten übersäte Frauen und goldene Uniformen: ein einziges Gewimmel von Glanz und Pracht und Licht, das den Schlag, der das Land getroffen hatte, beinahe vergessen ließ. All der Glanz und das Licht stimmten mich fröhlich, und ich antwortete leichthin:
- Nun ja, Sie sind Fatalist ... Aber deshalb braucht das Leben für Sie doch kein düsterer Schrecken zu sein ... Sie sind jung, gesund, gutaussehend, reich und tragen einen der schönsten Namen Ihres Landes; alles lacht Ihnen zu, und ...
- Wer weiß, was uns vorbestimmt ist! entgegnete er so melancholisch, in das Glas zwischen seinen unbeweglichen Fingern starrend, daß ich tief betroffen war.
- Was kann Ihnen denn vorbestimmt sein, das Sie so vor der Zukunft schaudern läßt? fragte ich.
Er machte eine vage Gebärde mit der Hand.
- Wer weiß, sagte er. Untergang, Schande ... In diesen für unser Land so finsteren Tagen fühle ich es stärker als sonst, daß etwas über mir schwebt. So daß ich es beklage, nicht bei Adua gefallen zu sein, wie meine Vettern und Freunde gefallen sind. Ihr Buch ist schuld daran, daß ich so mit Ihnen spreche. Und es kommt mir sehr seltsam vor, wenn ich Ihnen das so sagen darf, daß der Autor solch eines Buches, solch eines finsteren Buches ... jemand ist wie Sie, der mir selbst sagt, sein Charakter sei sonnig und leichtsinnig ... etwas, was ich wohl glaube. Ich wollte, ich wäre so.
Er selbst war es, der dem Gespräch eine andere Wendung gab, wir sprachen über andere Dinge, und plötzlich ergriff er meine unbehandschuhte Hand und betrachtete den Ring, den ich trug: einen Saphir en cabochon.
- Was für einen schönen Stein haben Sie da, sagte er, meine Hand - weil er kurzsichtig schien - ganz nah an seine Augen hebend.
- Ja, sagte ich, es ist ein schöner Stein. Es ist ein Andenken an einen Freund.
- Er ist wie ein Tropfen blauen Lichts, sagte er. Darf ich mir den Ring einmal ansehen ...
Ich zog den Ring ungern ab, konnte mich aber schwerlich weigern. Ein wenig unwillig ließ ich den Ring vom Finger gleiten und gab ihn dem Prinzen ...Atillio di Girgenti ...
Just in diesem Augenblick ging eine Bewegung durch die Hunderte von Gästen, denn der König und die Königin brachen auf, ihren Weg durch die lange Galerie nehmend, wo wir saßen, und man bildete ein Spalier; auch wir beeilten uns, aufzustehen.
- Hier ist Ihr Ring, sagte Prinz Atillio hastig, und er reichte mir mein Kleinod.
Es herrschte Gedränge. Amerikanische Damen, darauf erpicht, den König und die Königin aus der Nähe zu sehen, drängten sich zwischen uns beide. Meine Hand suchte vergeblich nach seiner Hand.

- Behalten Sie den Ring, bis gleich! rief ich noch.
Der König und die Königin kamen vorbei. Wie eine Brise durch lange Halme und Blumen fuhr die Bewegung der tiefen Reverenz durch das Spalier der Gäste, mit dieser sehr besonderen Grazie der Frauen, die in das Wogen ihrer Schleppen hineinknicken vor der Fürstlichkeit. Sobald der König und die Königin vorbei waren, näherte sich mir Prinz Atillio.
- Haben Sie Ihren Ring wieder? fragte er.
Ich wurde sehr blaß, und es traf mich, daß auch er sehr blaß war.
- Nein! sagte ich.
- Ich habe ihn Ihnen aber gereicht! rief der Prinz.
- Ich habe ihn nicht greifen können! antwortete ich.
Mein Herz klopfte, meine Knie wankten.
- Ich dachte, Sie hätten ihn ergriffen! sagte der Prinz. Ich habe ihn nicht mehr!
- Dann haben Sie ihn fallen lassen! sagte ich.
- Wir werden sofort suchen! sagte der Prinz.
Wir suchten. Da war eine Bewegung von Damen, hin und her; da war ein Schleppen von langen Gewändern. Wir suchten. Wir fanden nichts. Daraufhin gingen wir zum Hofmeister: der Prinz versprach eine hohe Belohnung, ich desgleichen. Lakaien suchten. Sie fanden nichts. Ich war sehr, sehr traurig. Ich hätte weinen können. Der Ring war mir lieb und teuer, erstens, weil er von einem Freund stammte, zweitens, weil der Stein kostbar war. Ich hätte weinen können, und ich war wütend. Es durchfuhr mich schwindelerregend schnell, mit einem Stachel des Verdachts ... Es war zu absurd ... Und wir suchten weiter ... Der Prinz von Girgenti, ein schwerreicher italienischer Edelmann, einem fremden Autor, den er durch Zufall kennenlernt, einen Ring abgaunern ... nein, nein, es war ein Zufall, ein elender Zufall ...
- Es hat so sein müssen, sagte ich, philosophisch wie ich bin in den wesentlichen Dingen meines Lebens, und dieser Verlust war für mich wesentlich. Es hat so sein müssen. Zweimal schon hätte ich diesen Ring fast verloren. Dies ist das dritte Mal, und ... er ist weg. Daran ist nichts zu ändern. Ich bin Fatalist, wie Sie.
Wir suchten. Ich wurde sehr müde.
- Ich suche nicht mehr, sagte ich. Er wurde fortgeschleift, von den Kleidern der Damen.
Ich fiel auf eine Ruhebank nieder, in der großen Galerie. Bekannte umringten mich, doch ich beherrschte mich und wurde sehr ruhig, weil ich sehr traurig war. Der Verlust eines Ringes löst keine Verzweiflung und Seelenpein aus, aber er kann doch sehr traurig machen.
- Es tut mir so schrecklich leid! sagte Prinz Atillio neben mir, blaß und flüsternd. Lassen Sie mich Ihnen morgen ein Andenken an unsere Bekanntschaft geben; erlauben Sie mir, daß ich Ihnen einen Ring gebe, mit einem Saphir en cabochon, so wie der Ihre war. Ich würde es als eine große Ehre betrachten, wenn Sie ihn von mir annehmen wollten.
Ablehnend schüttelte ich langsam den Kopf.
- Nein, sagte ich. Lieber nicht ...
- Erlauben Sie es mir, drängte er; er flehte fast, er hatte die Hände in einer artigen Gebärde gefaltet; seine Stimme war flehend, schmeichelnd und überredend. Einen Augenblick lang hatte ich den Gedanken: Gut, dann soll er mir doch einen anderen Ring geben ... Aber ich sagte:
- Es würde nicht derselbe sein ... Was Sie mir geben, kann diesen Verlust nicht ersetzen.
- Was kann ich nur tun! rief er aus. Was kann ich nur tun!
Ich stand auf und reichte ihm die Hand.
- Nichts, sagte ich. Vergessen Sie meinen Ring. Ich mußte ihn verlieren.
- Verzeihen Sie mir, murmelte er.
- Natürlich, sagte ich. Es war nicht Ihre Schuld.
Ich verabschiedete mich von ihm. Am nächsten Morgen ging ich wieder zum Palazzo Sciarra, bat, den Sekretär des Ministers sprechen zu dürfen, sprach mit dem Hofmeister: meinen Ring hatte man nicht gefunden.
An jenem Mittag fand ich auf meinem Tisch einen Korb prächtiger Rosen und eine Einladung von Prinz Atillio, mit ihm eine Spazierfahrt zu machen und anschließend mit ihm zu dinieren.
Ich bedankte mich für die Rosen und lehnte die Einladung, Kopfschmerzen vortäuschend, ab. Danach sah ich den Prinz in Rom nicht mehr. Bekannte aber, die ihn kannten und mit denen ich über ihn sprach und denen ich von meinem Verlust erzählte, blickten seltsam vor sich hin. Ich bat um eine Erklärung.
- Der junge Prinz von Girgenti, sagten sie, hat keinen guten Ruf ...
- Warum nicht? fragte ich.
Sie erzählten mir, daß dem alten Prinzen, Atillios Vater, Familienjuwelen gestohlen worden seien, die man in einem Pfandhaus wiedergefunden habe. Das sei eine bekannte Geschichte in Rom, und sie erzählten sie mir mit einer Reihe von Details, die ich Ihnen verschweige, weil sie nichts mit dem zu tun haben, was ich Ihnen erzählen will.
- Und man denkt, daß Prinz Atillio selbst der Dieb war, sagten meine Bekannten.
- Er hat meinen Ring gestohlen! rief ich.
- Das könnte schon sein, wurde mir geantwortet. Es ist sogar sehr wahrscheinlich.
Und meine Freunde rieten mir:
- Zeige es an ... bei der Polizei.
- Nein, sagte ich, das kann ich nicht.
- Warum nicht, fragten sie.
- Der Prinz hat mit mir gesprochen, sagte ich. Er ist Fatalist ...
- Das ist kein Grund, weshalb du wegen deines Verlusts nicht etwas unternehmen solltest! sagten die Freunde.
- Ich kann nicht! sagte ich. Er hat meinen Ring vielleicht gar nicht gestohlen. Er hat meinen Ring vielleicht stehlen müssen ... Ich kann es nicht. Warum sollte er meinen Ring gestohlen haben! Er ist reich.
- Er ist ständig in Geldverlegenheit ...
Ich war mir sehr im Zweifel darüber, ob ich glauben sollte, daß der Prinz meinen Ring gestohlen hatte, aber ich war fest entschlossen, meinen Verlust nicht bei der Polizei anzuzeigen.
Ich zeigte meinen Verlust nicht an.
Und es traf mich tief, daß Prinz Atillio mir einige Tage später, in der Oper, auswich.
Danach versuchte ich nicht mehr, ihm zu begegnen. Ich verließ Rom; Jahre vergingen ...

Es war vor einigen Jahren in Nizza. Es war während des Karnevals: mit zwei Freunden, einer englischen Dame und ihrem Sohn, sollte ich einen Wagen mieten, um an der Bataille de Fleurs teilzunehmen.
- Ich möchte gern einen vertrauenswürdigen Kutscher haben, sagte Mrs. Hunt-Denver; denn ich habe an demselben Tag, als ich in Nizza ankam, sehr unangenehme Erinnerungen an einen Kutscher gewonnen. Wenn sie alle so sind wie dieser eine!
Ich verteidigte voll Eifer die Kutscher Nizzas. Ich hob hervor, daß man überall, in allen Zünften, unwürdige Mitglieder antreffen könne, aber ich beharrte darauf, daß Nizzas Kutscher brave, zu-verlässige Jungen seien. Ich kenne verschiedene von ihnen näher. Ich mag Spazierenfahren sehr, und wenn die Tage lang sind, finde ich es herrlich, in einem guten Wagen die schöne Umgebung Nizzas zu durchkreuzen; im Februar schon webt der Frühling zwischen den Bäumen seine zarten grünen, weißen und rosa Spitzen aus Blättern und Blüten. Ein Automobil fährt mir zu schnell, um etwas anderes zu genießen als die Geschwindigkeit - ein Genuß, zweifellos, und Spazierengehen ist mir nur deshalb angenehm, weil ich dabei sehr lange Rast machen kann, unter einem Baum im Gras: Spazierenfahren ist just die Bewegung, die ich vorziehe ... um die Natur zu genießen. Und Spazierenfahren in einem Wagen zu Nizza, das ist, als führen Sie in Ihrem eigenen Gefährt. Haben Sie nie bemerkt, wie gepflegt und elegant hier die Wagen sind, die auf der Place Masséna ihren Standplatz haben? Sie blitzen von Lack und Nickel im Gold der Sonne; die Pferde, in ihrem glitzernden Zaumzeug, Blumensträußchen an den Ohren, sind schöne Tiere, glänzend von guter Pflege; ein Fell liegt vor Ihren Füßen ausgebreitet, und eine schöne Decke - mitunter, o Snobismus! mit einer Krone bestickt - hängt vom Bock herab. Der Kutscher ist oftmals ein schmucker Junge, mit seinem verbrannten Midi-Gesicht, tadellos gekleidet, mit gelben Schuhen, blauem Schlips, einer Blume im Knopfloch und einer korrekten "Melone" auf seinem glänzenden dunklen Haar. An keinem Ort der Welt findet man so gepflegte Wagen und Kutscher wie in Nizza, zumindest nicht in so großer Zahl: in Florenz gibt es vielleicht drei, in Rom fünf - unter denen du, o Giulio Ardenti, von mir die Palme erhältst, als der allerbeste und allereleganteste Vetturino auf der Piazza di Spagna! - aber in Nizza, vor Vogade, wohin man nachmittags zu Tee und Toast geht, stehen wohl an die fünfzig, allesamt glitzernd von Nickel und Lack und allesamt mit Gummireifen und schönen Pferden, die gut genährt sind, stark, stolz, unverbraucht. Vergleichen Sie das einmal mit den Tölpeln und Trampeln, die Sie stampfend durch Paris fahren. Nein, Ehre, wem Ehre gebührt: Ehre den Kutschern von Nizza, die nur den einen Fehler haben, daß sie sehr empfänglich sind für große Trinkgelder und den Tarif der Munizipalität so tief wie möglich unter den Kissen ihres Wagens verstecken, die aber, wenn Sie nicht allzu sorgfältig den Tarif studieren, brave, nette Jungen sind, mit denen man herrlich spazierenfahren kann ... Ach, kommen Sie, wir würden doch auch, wenn wir Kutscher wären, den Tarif verstecken und freundlicher sein zu einem großzügigen Kunden als zu einem, der nur 25 Centimes Pourboire gibt!
In diesem Sinne sprach ich mit Mrs. Hunt-Denver und bat sie, mir das Vorrecht zu gewähren, am Tag vor der Bataille de Fleurs den Wagen reservieren zu dürfen, den wir mit Blumen schmücken lassen wollten. So daß wir alle drei, Mrs. Hunt-Denver, ihr Sohn Geoffrey und ich, an jenem Morgen zu diesem Zweck ausgingen.
- Laßt uns, sagte ich, den Quai Chic entlangspazieren (das ist der Quai Masséna, den wir nie anders nennen) -, und dann werde ich den nehmen, dem ich zuerst begegne: den Petit-Brun, den Gros-Blond, oder den Grand-Jaloux.
- Wer sind diese Herren? fragte Geoffrey.
- Die drei allerbesten Kutscher von Nizza, sagte ich: der Petit-Brun ist klein, schlank und dunkel: der Gros-Blond ist groß, schwer und blond, und der Grand-Jaloux ist stets eifersüchtig, wenn ich den Petit-Brun nehme oder den Gros-Blond, und heißt auch, weil er der längste ist, Grand-Jaloux ... So laßt uns denn, als bewunderten wir die Auslagen der großen Bijoutiers, am Quai-Chic entlang schlendern; todsicher werden die Herren, mit ihren schönen Wägelchen, gegen elf Uhr - nicht früher! - auftauchen, um ihren Standplatz auf der Place Masséna einzunehmen.
- Schau! sagte Mrs. Hunt-Denver plötzlich; das ist der Kutscher, der mich bestohlen hat.
Sie wies mit einer Kopfbewegung auf einen leeren Wagen, der im Schritt vorbeigefahren kam. Ich folgte ihrer Bewegung, der Wagen hätte mich nicht begeistert; er war längst nicht so elegant, wie es die meiner drei Günstlinge waren, und ohne ihre Bemerkung hätte ich ihn keines Blickes gewürdigt. Doch als meine Augen den Augen des Kutschers begegneten, der uns mit einer Bewegung seiner Peitsche seinen Wagen anbot, so wie es im Süden Brauch ist, wurde ich sehr blaß. Ich hatte Prinz Atillio di Girgenti erkannt.

Ich sagte nichts, im ersten Augenblick. Und da gerade hinter ihm der Grand-Jaloux heranfuhr, den ich schon ein paar Mal vor den Kopf gestoßen hatte und der genauso eifersüchtig ist wie groß von Gestalt, hatte ich zum Glück die beste Gelegenheit, meine Erregung zu verbergen, und ihm winkend, rief ich:
- Grand-Jaloux!!
Der Grand-Jaloux grüßte uns erfreut und hielt an und stand still.
- Grand-Jaloux, sagte ich; bist du morgen frei für die Bataille de Fleurs?
- Wenn ich nicht frei wäre, würde ich mich frei machen für Sie! sagte der Grand-Jaloux, womit er nichts anderes meinte, als daß er frei sei.
- Dann mußt du aber auch nicht so rasend eifersüchtig sein, sagte ich, wenn ich das nächste Mal den Petit-Brun nehme. Oder den Gros-Blond ...
- Eifersüchtig werde ich immer sein, mein Herr, antwortete der Grand-Jaloux.
Der Preis wird vereinbart. Wir steigen in den Wagen, und der Grand-Jaloux fährt uns zum Blumengeschäft. Mrs. Hunt-Denver vereinbart, daß unser Wagen mit Mimosen und viel lila Flieder geschmückt werden soll sowie mit großen gelben und violetten Schleifen. Sie wird ein malvenfarbiges Kleid anziehen, und Geoffrey und ich werden uns in weiße Serge hüllen, mit malvenfarbigen Bändern um unsere Strohhüte.
Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, wir sind im Karneval, Nizza ist fröhlich und elegant, und die Aussicht auf das morgige Blumenfest stimmt mich heiter. Aber plötzlich denke ich an Prinz Atillio, den ich auf dem Bock einer nicht sehr schönen Victoria gesehen habe, als Cocher de Place ... In aller Eile verabschiede ich mich von Mrs. Hunt-Denver und von Geoffrey, der mir noch allerlei Fragen stellt: ob wir malvenfarbige Krawatten umbinden, und weiße Handschuhe, weiße Schuhe anziehen sollen und was sonst noch für äußerst interessante Dinge mehr, und da es noch zu früh zum Dejeunieren ist, mache ich es mir vor dem Café Monnot gemütlich. Dort sehe ich, zwischen den wartenden Fahrzeugen, den Petit-Brun, und hinter ihm tatsächlich doch den Gros-Blond. Ich winke, und sie lassen ihre Wagen kurz allein und kommen an meinen Tisch. Bevor ich noch etwas habe sagen können, ruft der Gros-Blond vorwurfsvoll:
- Warum haben Sie mich nicht gemietet für die Bataille de Fleurs!
Und der Petit-Brun fällt ein:
- Ist das nun etwa nett!? Warum haben sie mich nicht gemietet für die Bataille de Fleurs?!
- Hört mal, sage ich; ich werde der Dame vorschlagen, euch alle drei zu nehmen; sie mit dem Grand-Jaloux vorn; ich mit dir, Petit-Brun, dahinter, und dahinter dann der junge englische Herr mit dir, Gros-Blond; aber wenn sie es nicht amüsant finden, so einzeln zu fahren, was sehr wahrscheinlich ist, müßt ihr verstehen, daß ihr diesmal ohne mich auskommen und andere Batailleurs für die Bataille finden müßt ... Aber jetzt will ich euch nur fragen: Kennt ihr den neuen Kutscher: so ein großer schlanker Mann, er selbst ein schicker Kerl, aber sein Wägelchen nicht eben sehr schön, und das Pferd farblos und mager?
- Ja, ja, sagen sie beide; er ist ein Neuling, aber sein Gefährt ist nicht schön ... Und sie werden ihn doch nicht nehmen, wenn Sie uns kriegen können??
Mein Interesse an diesem neuen Kutscher kommt ihnen sehr verdächtig vor.
- Wißt ihr nichts über ihn?
- Er ist Italiener, sagen sie beide.
- Wie heißt er?
- Das weiß ich nicht! rufen beide wieder. Aber was kümmert Sie bloß um Himmels willen der neue Kutscher! In der Saison treten jedesmal neue Kutscher in den Dienst der Patrone! Sie werden uns doch wohl treu bleiben, uns zweien, dem Gros-Blond, dem Petit-Brun, und wenn wir nicht da sind, diesem Halunken von einem Grand-Jaloux??
Ich verspreche es ihnen und spendiere ihnen einen Schnaps, den sie, an meinem Tisch stehend, trinken. Sie wissen nichts von Prinz Atillio ...
Ich stehe auf und schlendere nach Hause, voll Gedanken und Emotionen ... Ich gehe die Avenue de la Gare entlang ... Plötzlich sehe ich ihn; er winkt mit seiner Peitsche den Passanten, die nicht achtgeben ... Er bietet sein Wägelchen an ...
Irre ich mich? Nein, er ist es! Ich dachte erst noch, daß ich mich geirrt hätte! Dieser neue Cocher de Place ist Prinz Atillio di Girgenti ...!!
Ich nähere mich seinem Wagen und sehe ihn an. Ich sehe die Glut über sein blasses Gesicht ziehen. Ich tue, als ob ich ihn nicht erkenne ...
- Sind Sie frei? frage ich.
- Ja, mein Herr ...
Ich steige in sein Wägelchen und nenne die Adresse meiner Villa. Angekommen, steige ich aus und sehe ihm in die Augen.
- Irre ich mich ...? wage ich zu fragen. Bin ich Ihnen nicht schon einmal begegnet ... in Rom?
Sein Lächeln ist herzzerreißend; seine dunklen Augen sind völlig leblos.
- Ja, sagt er, Sie sind mir schon einmal begegnet ...
- Auf der Soirée beim Baron Blanc?
- Ja ...
- Steigen Sie eben ab vom Bock, sage ich. Kommen sie herein. Mein Diener wird beim Wagen warten ...
Er wird sehr nervös.
- Nein, sagt er. Lieber nicht ...
- Ich möchte Sie sprechen, beharre ich. Treffen wir uns doch heute nachmittag, nach dem Déjeuner. Aber ohne Wagen ... Warten Sie auf mich hinten beim Kasino ...
- Ich kann meinen Wagen nicht stehenlassen, sagt er unwillig.
- Ich nehme ihn, sage ich; für den ganzen Tag ... Aber lassen Sie ihn im Stall ... und warten Sie auf mich, zu Fuß, hinter dem Kasino.
Er ist sehr blaß und zittert vor Erregung.
- Ich rechne fest mit Ihnen, sage ich. Hier. Erlauben Sie, daß ich Sie bezahle, für den ganzen Tag.
Er nimmt mein Goldstück an, es fällt ihm fast aus der Hand.
- Bis nachher, sage ich und gehe ins Haus. Er fährt weg.
Nach dem Déjeuner eile ich zur Place Masséna und sehe unter den Kutschern, die dort stehen, den Gros-Blond ...
- Gros-Blond, sage ich, ich will eine große Spazierfahrt mit dir machen, zur Madelaine und nach St. Roman.
- Ça, c'est gentil! sagt der Gros-Blond und springt auf seinen Bock.
- Fahre aber erst noch einen Umweg hinter das Kasino; dort wartet jemand, den ich mitnehmen will ...
Für ihn bedeutet das keine Mühe, und er fährt einen Umweg, hinter das Kasino. Plötzlich wendet er sich zu mir um und sagt:
- Mein Herr ... Dort steht dieser neue italienische Kutscher ...
- Gros-Blond, sage ich, er ist es, mit dem ich spazierenfahren möchte.
- Er? ruft der Gros-Blond, wobei ihm vor Verwunderung fast die Augen aus dem Kopf quellen. Aber dann sagt er, diskret und ehrerbietig:
- Mein Herr, es steht Ihnen frei, zu tun, was Sie wollen!
- Gros-Blond, sage ich, diesen Kutscher kenne ich von früher. C'est un monsieur trčs bien, ein heruntergekom-mener ...
- Davon gibt es mehr, sagt der Gros-Blond; ich kenne einen Marquis, der ist Garçon de café ...
Der Gros-Blond hat angehalten, und ich bin ausgestiegen und reiche Atillio die Hand. Er ist sehr blaß, und seine Hand zittert.
- Machen Sie mir die Freude, sage ich, sehr höflich, und steigen Sie ein. Gönnen Sie mir das Vorrecht, eine große Spazierfahrt mit Ihnen zu machen ...
Er ist eingestiegen, ohne ein Wort. Neben mir sitzend, sagt er nur, mit gebrochener Stimme murmelnd:
- Fahren Sie nicht durch belebte Straßen ...
Ich gebe dem Gros-Blond Anweisungen: er fährt Umwege: die stillen Straßen entlang, und so erreicht er den Pont Magnan ...
Atillio hat fast kein Wort gesprochen, nur ein paar abgerissene Silben gestammelt. Verstohlen betrachte ich ihn: er ist noch ziemlich gut gekleidet. Aber es ist, nun, da er zusammengesunken neben mir sitzt, eine Mattigkeit, eine Gebrochenheit in ihm, die mich herzzerreißend schmerzlich berührt, wenn ich an jenen eleganten jungen Aristokraten von früher denke, mit dem berühmten italienischen Namen.
- Kann ich etwas für Sie tun? wage ich endlich zu fragen.
- Nein, sagt er einfach. Ich bleibe nicht in Nizza. Hierher kommen zu viele Italiener, die mich kennen ... Ich gehe bald nach Marseille, und dann nach Amerika ...
- Können Ihre Freunde, Ihre Verwandten nichts für Sie tun?
- Nein, antwortet er. Sie geben sich lieber nicht mit mir ab ... Sie haben recht. Mit mir ist nichts anzufangen.
- Aber warum nicht? frage ich.
Er lächelt, sehr blaß.
- Es ist das Schicksal, sagt er. Dagegen ... kann man nicht ankämpfen.
Um uns her sind die verlassenen, finster-großartigen Felsengruppen von Saint-Roman ...
Plötzlich nimmt er meine Hand und betrachtet meinen Finger, an dem ihn einst der Saphir, der wie ein Tropfen blauen Lichts war, entzückt hatte.
- Sagen Sie mir, fleht er fast. Sie haben gedacht ... ich hätte Ihren Ring ... in dem Augenblick ... als ich ihn Ihnen reichte ... während der König und die Königin vorbeikamen ... gestohlen?
Ich sehe ihn an, und zögere ...
- Sagen sie mir, drängt er. Sie haben gedacht, ich hätte den Ring gestohlen?
- Und was, wenn ich das wirklich ... gedacht habe?
Er schüttelt den Kopf, und er sagt, gebrochen:
- Ich habe Ihren Ring nicht gestohlen. Er ist heruntergefallen ... Er muß heruntergefallen und verlorengegangen sein, fortgeschleift von den Kleidern der Damen ... Ich schwöre Ihnen, daß ich ihn nicht gestohlen habe. Ebensowenig wie ich die Juwelen aus dem Tresor meines Vaters gestohlen habe ... Sie kennen diese Geschichte, mit allen Details ... Ich habe die Juwelen nicht gestohlen, ich habe sie nicht in das Pfandhaus gebracht. Glauben Sie mir?
- Ja, sage ich. Und die Dame, in deren Gesellschaft ich heute morgen war ...?
Er nickt mit dem Kopf und bestreitet es:
- Ich habe die Tasche, die sie in meinem Fahrzeug gelassen zu haben behauptet, zusammen mit einigen Päckchen, während sie einkaufen ging ... nicht gesehen.
- Eine Tasche ...?
- Mit Geld, wie es schien. Und ein paar Juwelen.
- Sie hat ihren Verlust nicht bei der Polizei angezeigt?
- Nein ... Ebensowenig wie Sie es taten ... seinerzeit ...
- Ich war nicht sicher ...
- Sie auch nicht ...
- Dann ... haben Sie also niemals gestohlen?
- Niemals ...
- Und wie kommt es dann ... daß ich Sie so wiedertreffe?
- Sie dachten alle, ich wäre ein Dieb. Mein Vater, meine Freunde. Der Vorfall mit Ihrem Ring ist genauso bekannt wie die Geschichte mit unseren Familienjuwelen. Fügen Sie noch hinzu, daß ich spiele ... Daß ich nicht anders kann als spielen ... Daß ich, sobald ich ein paar Goldstücke besitze, diese verspiele ... Daß ich ständig in Geldverlegenheit war ...
- Haben Sie nie mit Freunden gesprochen, wie Sie jetzt mit mir sprechen?
- Doch. Sie glaubten mir nicht. Sowenig wie Sie mir glauben.
- Ich glaube Ihnen, sage ich.
Er ergriff meine Hand und drückte sie krampfhaft fest. Er wandte sich halb zur Seite, aber ich sah, daß seine Augen voll Tränen standen.
Und dann sagte er:
- Warum ... sollten Sie mir glauben!!
Er glaubte nicht, daß ich ihm glaubte!
Meine Hand fest, krampfhaft fest in der seinen, fuhr er fort:
- Ich habe Ihnen am nächsten Tag, mit den Rosen, die ich Ihnen schickte, einen Ring schicken wollen, dem Ihren gleich ... Ich habe es nicht getan ... Ich fürchtete, daß Sie mir den Ring zurückschicken würden ... Und doch, wenn ich es getan hätte ... Aber ich war sehr müde, sehr entmutigt ... und ich tat es nicht ... Was soll ich Ihnen sagen ..? Es ist mein Schicksal! Die Umstände in meinem Leben sind für mich stets so gewesen, daß jeder dachte, ich wäre ein Dieb. Daß ich jetzt eigentlich nicht weiß ... ob ich wirklich niemals gestohlen habe ... Daß ich überzeugt bin, ich werde sicher eines Tages stehlen ... Dagegen kann man nicht ankämpfen ... Es gab in Rom einen Augenblick, da ich bis über die Ohren in Schulden steckte ... Ich spiele: der Spielteufel in mir ist stärker als ich ... Ich habe mich mit meinem Vater, meiner Familie entzweit; meine Freunde kehren mir den Rücken ... Sie, Sie sind freundlich: ich empfinde eine seltsame Sympathie für Sie ... Ich habe seinerzeit Ihr Buch gelesen: Schicksal ... Das ist so ... Dagegen kann man nichts tun ... Nichts, nichts ...
Nie waren mir die Felsengruppen von St. Roman so finster und drohend erschienen. Der Gros-Blond, korrekt, mit seinem dicken Rücken, ohne sich umzusehen, fuhr uns über den sich dahinschlängelnden Weg; die Felsen hingen drohend fast über uns: ein angeschwollener Bergbach brauste schäumend ...
- Also ..., sagte ich: Sie gehen nach Amerika ...?
- Ja, antwortete er.
- Warum? versuchte ich ihn davon abzuhalten. Seien sie tapfer. Kämpfen sie gegen das Schicksal; es ist eine törichte Macht ...
- Es ist keine törichte Macht, sagte er. Es ist die Allmacht ... Was soll ich denn Ihrer Ansicht nach in Europa noch tun. Ich habe schon auf verschiedenen Wegen gekämpft während der letzten zwei Jahre, versucht, oben zu bleiben ... Ich bin gesunken, gesunken ... Da ist der Spielteufel in mir und das Schicksal über mir ... Nein, ich gehe nach Amerika. Ich will in Marseille versuchen, auf einem Schiff eine Stelle als Kellner, als Heizer, als was weiß ich, zu bekommen ...
- Tun Sie das nicht! beharrte ich. Ich kann nicht einsehen, daß das sein müßte. Sie müssen wieder nach oben kommen können, wenn Sie nur wollen. Sie haben einen großen Namen ...
- Den zu tragen mein Vater mir nicht mehr zugesteht; den zu entehren meine Freunde und Verwandten mir vorwerfen ...
Ich hatte etwas tun wollen; ich vermochte es nicht. Ein Gefühl ratloser Ohnmacht erfaßte mich ... Wir erreichten die Stadt. Auf dem Pont Magnan sagte Prinz Atillio:
- Lassen Sie mich hier aussteigen. Es ist nicht gut, wenn Ihre Bekannten Sie in Gesellschaft eines Kutschers sehen.
- Sie sind kein Kutscher, sagte ich: Sie sind der Prinz di Girgenti, und ...
Er schüttelte den Kopf, herzzerreißend traurig.
- Ich bin ein Kutscher, sagte er, und übermorgen vielleicht Heizer ... Adieu. Ich danke Ihnen für Ihre Sympathie ... Vermutlich sehen wir einander nie wieder ... Sagen Sie mir nur noch dies: Glauben Sie mir, daß ich Ihren Ring nicht gestohlen habe, sondern daß er hinuntergefallen ist, als ich ihn Ihnen reichte ...?
- Ich glaube Ihnen!! rief ich hastig.
Aber es war sehr seltsam: während ich mich beeilte, dies zu beteuern, ... war ein Zweifel in mir ... war ich nicht ganz sicher ... im Allertiefsten meines Selbst, ob Atillio den Ring nicht doch gestohlen haben konnte ...
Aber er spürte diesen Zweifel vermutlich nicht; er drückte sehr fest meine Hand und verschwand ...
Ich habe ihn niemals wiedergesehen, und wenn ich an ihn denke, ist eine große Traurigkeit in meiner Seele, denn er war ungemein liebenswert von Stimme, Blick, Gebärde, Manieren, und ich empfand eine, ich weiß nicht, welcherart seltsame Freundschaft für ihn ...

Aus: Korte Arabesken von Louis Couperus