Blaue Küste

Meeting d’Aviation Nice 1910, Charles Leonce Brosse

Gewiß, Quacksalber gibt es in einer Stadt wie Nizza, in der Saison, scharenweise! In einer Stadt, wo sich alles nur um das Spiel und die Liebe dreht - beides verheerende Leidenschaften -; in einer Stadt wie dieses sonnige Foyer von Leichtsinn und Eitelkeit ist es geradezu verwunderlich, daß es nicht noch mehr Quacksalber und Betrüger gibt, Vorspiegler jedweder Illusion: jener Illusion, mit dem einen oder anderen System in Monte Carlo Millionen zu gewinnen; jener, die Zukunft zu lesen aus Karte, Handlinie oder Kaffeesatz - mit dem Ei arbeitet man hier nicht -; jener, eine Meduse in eine Aphrodite zu verwandeln und die Zeit stillstehen zu lassen auf dem rosenblühenden Pfad, der sich nur von zwanzig bis dreißig erstreckt. Doch unter allen Quacksalbern und Vorspieglern ist Docteur Désanges ein besonderer Mann. Eines schönen Morgens hatten wir seine einfach formulierte, aber sehr positive Reklame gelesen, auf Velinpapier, verteilt im Jardin Public, in der Jetée, im Casino und bei Vogade von einem eleganten kleinen Pagen in adretter Livree. Es war kein Zweifel möglich. Im Institut von Docteur Désanges wurde jede häßliche Frau - oder selbst jeder häßliche Mann - in eine Venus - oder einen Adonis - verwandelt, und dem Alter gebot der Docteur mit entschiedener Gebärde: halte-là! Es war kein Zweifel möglich. Wir gingen alle das Institut besichtigen: in der Avenue Victor Hugo, eine Villa, bescheiden von Architektur, höchst distinguiert von Farbe; fünf Palmen im Vorgarten: auf dem Gitter eine glänzende Kupferplatte, die selbst ein holländisches Dienstmädchen nicht blitzender hätte putzen können. Ein vornehmer Lakai, dunkelblau, vergoldete Knöpfe: ein großer Salon, ebenfalls dunkelblau; ein Lesesaal, dunkelrot; das Kabinett des Arztes, hellgrau; sein Operationssaal, nilgrün. Der Arzt, untadelig fade, glatt das Gesicht und spärlich die Locken, schlank der Magen und durchdringend der klare Blick, im Gehrock mit einem Band des Ordens der Sahara. Aber was bedeutete der Orden der Sahara schon noch, sobald man den Arzt sprechen hörte! Oh, der Klang dieser klaren, durchdringenden Baritonstimme: es war eine Wollust, sie Ton für Ton durch das Gehör ins Gemüt dringen zu lassen. Ich habe vom ersten Wort an, das Docteur Désanges zu mir sprach, nicht anders gekonnt als glauben. Ich glaube noch. Er hat recht.
Aber es war nicht allein das Hören: lieber Leser, es war schon bald auch das Sehen, und zwar innerhalb sehr kurzer Zeit. Innerhalb einer einzigen Saison, und Sie wissen, die Saison in Nizza dauert kaum drei Monate. Kennen Sie Nizza? Nun, dann kennen Sie auch die Komteß Lodenberg, nicht wahr? Sie stammt aus Kurland, oder aus Odessa; sie ist Polin, Russin, oder vielleicht beides; sie ist sehr reich, sofern sie nicht ruiniert ist, aber sie ist auf jeden Fall eine majestätisch schöne Frau, deren Alter man nicht schätzen kann. Da die Komteß Lodenberg jedoch schon seit fünfzig Jahren - und das ist nachzuprüfen - eine majestätisch schöne Frau in der Welt von Nizza ist, wird es Sie nicht wundern, daß sie jetzt so sehr jung nicht mehr sein kann. Ich für mein Teil kenne sie seit zehn Jahren; nun, in diesen zehn Jahren, das muß ich gestehen, fand ich sie mit jeder Saison etwas weniger majestätisch und schön. Ein ganz klein bißchen nur, jede Saison, aber doch ein bißchen weniger. Sie bröckelte ab, in kleinen Stückchen.

Es war tragisch, und schien unvermeidbar. Der Untergang schien nahe. Ich erwartete das Allerschlimmste. Nun, drei Monate nachdem Docteur Désanges sein Institut de Beauté und seine Schule der Jugend eröffnet hatte, bröckelte die Gräfin wieder zu. Tag für Tag gewann sie an Majestät zurück; Tag für Tag wurde sie einen Tag jünger; Tag für Tag wurde sie einen Tag schöner: und das erstaunliche war, daß sie sich weniger schminkte und frischer und glänzender aussah. Ihre wasserstoffblonden Haare wurden poetisch weizenblond, doch wie von Gretchen oder Desdemona. Ihre Wangen rundeten sich, ihre Lippen wurden wieder zu einer Kirsche ...
Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Und ich habe auch unseren charmanten Jeune premier gesehen, von der Komödiantentruppe im Palais de la Jetée. Und ich habe gesehen, daß er innerhalb von drei Monaten nach der Behandlung durch unseren Arzt seine Beleibtheit verlor, wieder gerade ging auf jungen Beinen, rasch und leidenschaftlich niederkniete im Moment der Liebeserklärung und keine Perücke mehr brauchte, weil seine Haarkrone wieder erblühte. Und wenn Sie ihn vor seiner Kur gesehen hätten! Ach, der Arme, er hatte mir schon allen Ernstes gestanden, daß er wohl sein Rollenfach wechseln und den Père noble spielen müsse.
Und jetzt? Er spielt wieder den Verführer, und die Komteß Lodenberg spielt die Verführerin, immerfort.
Da habe ich es wissen wollen. Angesichts solch greifbarer Beweise fieberte ich danach, zu wissen. Sehen Sie, ich konnte nicht anders als glauben. Docteur Désanges hatte ein Geheimnis. Und da Altwerden mein Alptraum ist, wollte ich wissen, erfahren, und so bat ich, nachdem ich mich mit ein paar tausend Francs versehen hatte, um eine Konsultation bei unserem Arzt.
Ein elegantes Kärtchen mit der darauf eingetragenen Stunde; der dunkelblaue Lakai, der dunkelblaue Salon, der Lesesaal dunkelrot, das Kabinett des Arztes, hellgrau, und der Arzt selbst, und seine Stimme! O seine herrliche Stimme: wie Wollust zittert sie in meinem Magen! Es ist ein perverses Vergnügen, Docteur Désanges sprechen zu lassen und zuzuhören. Aber er will, daß ich spreche, und fragt mich:
- Und was wünschen Sie eigentlich, mein Herr?
Sein Lächeln, o sein Lächeln! Er lächelt mir schmeichlerisch zu, daß ich weder häßlich noch alt sei. Ob er wohl so mit all seinen Klienten anfängt! Oh, der Mensch ist so schwach und eitel: ich lächle zurück, geschmeichelt. Aber nein, ich falle nicht darauf herein, o nein. Und ich sage zu ihm:
- Herr Doktor, was ich vor allem wünsche, ist, nicht älter zu werden. Ich bin weder ausgesprochen klassisch an Zügen noch statuengleich von Gestalt, aber ich habe mich sehr an meine äußere Erscheinung gewöhnt, und es gibt keine besonderen Gründe, weshalb ich sie sollte ändern wollen, obwohl ich fest daran glaube, daß Ihre Kunst keine Grenzen kennt. Alt werden, älter werden dünkt mich jedoch die schrecklichste Erfindung der Natur. Herr Doktor, lassen Sie mich nicht älter werden, lassen Sie mich behalten, was ich habe, lassen Sie mich nichts mehr verlieren - und ich bin Ihnen ewig dankbar.
Docteur Désanges ersuchte mich daraufhin, mich im Operationssaal, nilgrün, zu entkleiden, untersuchte mich sehr sorgfältig und richtete verschiedene intime Fragen an mich, die ich hier um der Dezenz und Sittsamkeit willen nicht erwähne. Daraufhin verordnete er mir eine Methode der Zimmergymnastik, etwa Methode Müller, eine Diät, eine Lebensmethode für jeden Tag, abgestimmt auf meine Gewohnheiten, Bedürfnisse und Eigenheiten. Danach ließ er mir von einem Assistenten, angetan mit blendendweißer Schürze, einige Töpfe Salbe bringen, für die Massage, die, sehr kompliziert, mich jeden Tag, zumindest wenn ich sie selbst ausführen müßte, wohl anderthalb Stunden beschäftigen würde. Der Assistent verschwand, und der Page würde die Salbentöpfe in meiner Wohnung abgeben.
- Aber das kann doch nicht alles sein, Herr Doktor! rief ich ungläubig aus. Es muß da noch etwas sein, ein Geheimnis: ein Geheimnis, mit dem Sie die Komteß Lodenberg und den Jeune premier von der Jetée in drei Monaten drei, fünf, zehn Jahre jünger gemacht haben!
Der Arzt lächelte und antwortete:
- Aber gewiß, mein Herr, da ist noch etwas anderes!
- Und vermutlich wohl das Wichtigste, nicht wahr?
- Das Wichtigste, Sie sagen es. Sie müssen auch jeden Tag, nach Ihrer Massage und vor Ihrem Dejeuner, zu mir kommen. Nicht länger als zehn Minuten, aber jeden Tag. Dann werde ich nicht nur bewirken, daß Sie nicht älter werden, sondern sogar, daß Sie sich verjüngen.
- Und darf ich wissen ...?
- Aber gewiß. Mein Geheimnis ist kein Geheimnis. Mein Geheimnis ist so einfach, daß alle meine Patienten, selbst nach dem Erfolg, es nicht zu verraten wagen, weil es zu einfach klingen würde. In diesen zehn Minuten, jeden Tag, suggeriere ich Ihnen, mein Herr, so wie ich es der Komteß Lodenberg und unserem talentvollen Jeune premier suggeriert habe ... daß Sie keine Vergangenheit haben. Daß Sie ihr Leben mit jedem neuen Tag neu beginnen. Und ich töte all Ihre Souvenirs*.
- Sie töten meine Souvenirs!?
- Alle, mein Herr, ohne Unterschied. Ich vernichte in meinen Patienten den Kult der Erinnerungen. Ich vernichte die Erinnerungen selbst, ich zermalme sie wie Götzen. Was läßt uns älter werden? Nichts anderes als die Mikroben unserer Souvenirs. Aber ich, ich kann Ihnen suggerieren, daß Sie jeden Tag, wie ein junger Mensch, dem sich das Leben erst öffnet, ein souvenirloses Leben beginnen. Das habe ich bei der Komteß und unserem Freund, dem Schauspieler, getan. Das tue ich noch bei ihnen, jeden Tag. Und dies - und nichts anderes - macht, daß sie jeden Tag nicht einen Tag älter, sondern einen Tag jünger werden ... obwohl Sie die Salbe bei der Massage nicht vergessen dürfen.
- Mit jedem Souvenir, das Sie bei der Komteß Lodenberg vernichteten, rieben Sie ihr also zugleich eine Falte weg.
- Und mit jedem Erfolg in seiner Theaterlaufbahn, den ich unseren Jeune premier vergessen ließ, wurde er ein wenig schlanker und behender.
- Sie machen also die Seele Ihres Patienten zu einem unbeschriebenen Blatt Papier?
- Sie sagen es, mein Herr.
Mein erster Gedanke ist dieser: Wenn ich es nun mit einer Autosuggestion versuchte? Dann würde ich viel sparen ... denn der Arzt ist nicht billig.
Meinen zweiten Gedanken spreche ich aus. Er lautet:
- Herr Doktor ... ich will ihren Rat gerne in seiner Gänze befolgen: die Diät, die Methode Müller ... pardon, die Methode Désanges; Ihre andere Methode für das tagtägliche Leben; die Massage mit den vielen Töpfen Salbe und die zehn Minuten Suggestion in Ihrem nilgrünen Operationssaal ... Ich stelle nur eine Bedingung.
- Und die wäre, mein Herr?
- Daß Sie mich die Souvenirs - die zwei, drei Souvenirs - an meine zweite Liebe behalten lassen.
- Warum, mein Herr?
- Weil ich ohne sie, selbst jung und jünger und jünger werdend, nicht leben könnte.
- Unmöglich, mein Herr. Ich nivelliere alles. Meine Suggestion macht Tabula rasa. Ich kann Ihnen keine Souvenirs lassen. Ich radiere alles aus. Unbeschriebenes Papier müssen Sie werden, mein Herr.
- Herr Doktor, ich kann nicht. Ich opfere Ihnen alle Souvenirs; ich bitte nur um Erbarmen für die an meine zweite Liebe.
- Das werden gerade die sein, die Sie sehr alt werden erscheinen lassen, mein Herr, die Sie alt machen werden, älter als Ihr Alter.
- Dann, Herr Doktor ..., sage ich verzweifelt.
Und stehe auf. Auch der Arzt steht auf. Er ist wütend.
- Es tut mir so leid, Herr Doktor, aber wirklich ... ich bin so glücklich gewesen, bei meiner zweiten Liebe. Und auch so tief unglücklich, bei derselben zweiten Liebe. Ich will mir die Souvenirs bewahren. Ich sehe also ein, daß es nicht geht. Dann werde ich mich also verabschieden, Herr Doktor ... Seien Sie nicht böse, Herr Doktor. Darf ich meine Schuld begleichen? Ich bezahle stets alles sofort, Herr Doktor ... Nicht wahr, Herr Doktor ... die Konsultation?
- Zweihundertfünfzig Francs, mein Herr, und die Creme einhundertfünfundsiebzig.
- Das macht also vierhundertfünfundzwanzig, Herr Doktor. Ich habe es gerade passend, Herr Doktor. Hier, bitte. Es tut mir schrecklich leid, aber ich bin überzeugt, daß weder die Komteß Lodenberg noch unser Freund, der Schauspieler, eine so innige zweite Liebe gefühlt haben wie ich: sonst ... Adieu, Herr Doktor: eine Quittung ist wirklich nicht nötig ...

Ich stehe auf der Straße, ein wenig wehmütig. Denn ich fühle es: die zweite Liebe, sie wird mein Altern sein, unvermeidlich.
Und der Doktor hatte recht. Hat recht. Seine Jugend erhält man sich nur, seine Jugend kann man nur zurückgewinnen - Tag für Tag -, wenn man systematisch jede Erinnerung in sich vernichtet. Mit jeder ausgelöschten Erinnerung hat man auch eine Falte wegmassiert, und erstrahlt das Auge von jüngerer Glut.
Komplizierter war es nicht.

* Erinnerungen

Aus: Van en over mijzelf en anderen von Louis Couperus